• Sebastian

Corona, das Jahr und ich

Ein wahnsinnig turbulentes Jahr geht zu Ende. Vermutlich werden die Meisten jetzt an Corona denken, aber das meine ich gar nicht mal. Natürlich hat Corona uns in vielerlei Hinsicht eingeschränkt, beeinträchtigt oder gar an manchen Dingen des alltäglichen Lebens gehindert. Für einige war es auch ein hartes Schicksal und bedeutete Verlust. Corona war ein Auf und Ab, wie das Leben an sich eh schon. Es wird immer Neuigkeiten geben.

Für mich als eher introvertierten Menschen stellte Corona zum Glück aber nicht das größte "Problem" dar: Ich mag (riesige) Ansammlungen von Menschen nicht, es sei denn, ich kann sie von außen beobachten. Ich bin auch kein "kulturell" sonderlich interessierter Typ; Ich gehe ab und an ins Kino oder mal in ein Restaurant. Kommt aber sehr selten vor und mir ist es das meist einfach angesichts der steigenden Preise nicht wert ( Was nichts über die Qualität aussagt). Ich gehe oder ging mehr oder weniger regelmäßig ins Fitnessstudio, aber auch da bin ich meist eher für mich und hab Musik auf den Ohren. Ins Gespräch komme ich sehr selten mit anderen Menschen. Ich halte grundsätzlich eher Abstand zu anderen und mag Umarmungen auch eher weniger. Liegt vielleicht auch ein Stück weit an meiner Ausstrahlung in dem Moment. Keine Ahnung.


Turbulent, weil für mich persönlich viel abseits von Corona passiert ist. Ich habe das nach meinem Studium erforderliche Anerkennungsjahr erfolgreich beendet, und mit dem Entschluss, dort nicht zu bleiben gleichzeitig auf eine gutbezahlte, sichere Stelle im öffentlichen Dienst verzichtet. Ich weiß immer noch nicht so recht, ob ich mehr Wert auf Sicherheit oder Freiheit lege, wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Naja, entschieden hab ich mich jedenfalls für einen Job, der in meinen Augen wirklich sehr fordernd ist, vor allem auf psychischer Ebene. Aber eben auch für einen Job, hinter dem ich stehe und den ich - zumindest ethisch - frei von Zweifeln an der eigenen Tätigkeit ausüben kann.


Turbulent, weil meine an COPD erkrankte Mutter zwei Krankenhausaufenthalte hinter sich bringen musste und man dabei nie eine Gewissheit hat, was im Anschluss passieren wird oder kann. Ich schlafe quasi ständig mit einem offenen Auge oder bin zumindest immer auf Draht gespannt, was nicht unbedingt zur Erholung beiträgt. Auch, weil meine Oma ins Krankenhaus musste und das über eine Entfernung von über 500 km nicht so einfach ist. Alleine schon aus Datenschutzgründen sind Informationen über den Gesundheitszustand am Telefon problematisch. Licht und Schatten eben.

Turbulent, weil sich mein Umgang mit Geld grundlegend geändert hat. Früher war ich viel verschwenderischer und hab was Geld anging mehr in den Tag oder besser den Monat hineingelebt. Heute weiß ich, wie ich damit für mich umgehen kann, das hat sich dieses Jahr nochmals deutlich gezeigt. Ich bin auch mehr in Richtung Konsumverzicht unterwegs und überlege mir bestimmt zwei Wochen lang, ob und wenn, was ich denn haben will oder unbedingt brauche. Sich mit seinen eigenen Verhaltensweisen auseinanderzusetzen kostet auch einiges an Energie und vor allem Ehrlichkeit. Gar nicht so einfach.


Turbulent, weil ich mich bei meiner Fotografe 3-5 Monate gefragt habe, ob man (ich) das überhaupt kann oder will. Man überwindet sich nur qualvoll loszugehen und hält eigentlich alles für Ausschuss. Und dann, ja dann entdeckt man auf einmal eine völlig neue Seite. Neue Motive, neue Perspektiven, neue Ansätze. Man stellt fest, das Likes oder Kommentare nicht alles sind. Das Anerkennung zuerst mal aus sich selbst für sich selbst kommen muss, bevor andere es auch sehen oder Anerkennung zeigen (können). Am Ziel bin ich da noch nicht, aber es geht vorwärts: Fortschritt, nicht Perfektion.


Turbulent, weil ich eigentlich vor hatte mehr zu Reisen. Die Welt sehen, Menschen kennen lernen trotz Intraversion. Schöne Fotos machen und Erinnerungen behalten. Hätte nicht ausfallen müssen, war mir aber angesichts des Ansteckungsrisikos meiner Mutter doch lieber. Allgemein, was hatte ich für Pläne: Mehr Reisen, einen alten Wohnwagen kaufen und ausbauen, jeden Tag 10 Minuten meditieren, mehr auf gesunde Ernährung achten und und und... Vielleicht kennt ihr das.


Turbulent auch deshalb, weil ich vieles vom Rand aus beobachte, so auch die gesamte Situation um und mit Corona. Anfang März hatte ich ungewöhnlicherweise auf Facebook einen langen Text gepostet, in dem ich dazu aufgerufen habe, mehr miteinander und Zusammenhalt zu zeigen, gerade jetzt, wo Corona doch auf uns zukommt. Ich sah darin eine Chance mehr miteinander anstatt gegeneinander. Und ich hatte die Befürchtung , dass es unsere Gesellschaft ein Stück weiter spaltet. Bewertet selbst. Und da wusste noch niemand, wie es sich letztlich zeigen würde. Wir haben riesige Solidarität erlebt, das von Klatschen auf Balkonen begleitet wurde. Verständnis für die Abstandsregeln und den Verbleib zu Hause. Aber auch Demonstrationen und die Nichteinhaltung von Anordnungen. Jeder Mensch macht sich da seine eigenen Gedanken und zieht Schlüsse draus. Es war ein Auf und Ab, wie auf einer Rolltreppe.

Turbulent vor allem aber, weil sich die eigene Einstellung, das Verhalten oder besser gesagt das Leben allgemein stetig ändert. Auch wenn wir es nicht sofort bemerken, es sind doch immer wieder die kleinen Dinge, die sich "neu" ins Leben schleichen. Viele Aufgaben, die neu sind, bereiten einem anfangs oft Probleme. Und irgendwann, so ganz nebenbei, lösen sie sich auf. Stand man am Anfang eines Meetings noch recht wortlos da und hat nichts gesagt, so dreht sich das Ganze irgendwann einfach und man macht den Mund auf. Nicht immer. Nicht gleich. Nicht bahnbrechend. Aber doch Stück für Stück. Hatte man keine Ahnung, wie das Leben mit Corona aussehen würde, kam die Situation, in der es einfach funktionieren musste. Damit meine ich alle Menschen; Sowohl diejenigen, die nicht um ihren Job fürchten mussten, als auch diejenigen, die vielleicht sogar vor dem Aus standen oder alles verloren haben. Ich will das nicht schön reden, aber für die meisten ging es irgendwie weiter. Leider sind trotz allem einige "auf der Strecke geblieben". Genau diesen Menschen wünschen ich nur alles alles erdenklich Gute. Besinnt euch auf eure Stärken, lasst den Kopf nicht hängen und gebt alles, damit es wieder Berg auf geht. Das Leben bringt auch euch wieder ein wenig Licht, ob nun persönlich oder für Fotos.


Das war nur ein kleines Resümee meines Jahres 2020. Ich könnte noch ganz ganz viel Schreiben, aber das müsste ich erst sortieren :P Wie war euer Jahr, worauf blickt ihr zurück und was wollt ihr im nächsten Jahr machen? Schreibt mir gerne einen Kommentar.


Ich wünsche euch einen guten Rutsch und alles erdenklich Gute für 2021.