Irgendwas mit Menschen

So lautet ja der Berufswunsch einiger, die nach dem Abi oder auch als Quereinsteiger einen neuen Job suchen, eine neue Herausforderung oder etwas, dass ihnen am Herzen liegt. Das wird auch oft als "Klischee" betrachtet oder zumindest rollen die Augen bei solchen Aussagen :p

Nun, ich bin so einer. Das war zwar nicht meine genaue Aussage (eigentlich wollte ich Psychologie studieren), aber kommt ungefähr hin. Psychologie geht aber mit meinem Abi nicht, zumindest bis Dato nicht. Das nächste oder naheliegendste ist die Sozialarbeit. Ich habe Soziale Arbeit erfolgreich studiert und bin gerade dabei die staatliche Anerkennung zu erlangen: Und das ist ein - zumindest für mich - steiniger und anstrengender Weg. Nicht etwa, weil es so schwer wäre. Nicht, weil man so viele Gesetze aus dem Kopf wissen muss oder weil die Anforderungen so enorm hoch sind. Sondern weil es aus meiner Sicht, in meiner Situation, einfach vollkommen unnötig ist.

Ihr müsst euch das bei mir so vorstellen: Ich bin jetzt 35, ich war 12 Jahre bei der Bundeswehr ( bin da mit 19 hin), ich bin oft umgezogen, habe mehrere Freundeskreise gewonnen und auch verloren. Ich habe viele örtliche Veränderungen hingenommen, habe Wache geschoben und die gesamte Verantwortung für eine ganze Kaserne getragen. Stets mit der "Angst" im Nacken, ins Ausland zu müssen. Ich war in ganz Deutschland unterwegs für Lehrgänge, die teils mehrere Monate dauerten, musste sehr viel Fahren und war oft nur am Wochenende zu Hause. Ich war verantwortlich für über 25 Menschen in meiner Einheit und auch für Ausbildungen. Ich kenne strenge Hierarchien und Machtverhältnisse. Ich weiß, wann man die Fresse hält und wann nicht. Ich weiß auch wie es ist, trotz ziemlich gutem Gehalt und falschem Umgang mit Geld kein Geld zu haben und nicht zu wissen, wie man die nächsten Wochen an Lebensmittel kommt. Ich habe Messies kennengelernt, ihnen geholfen so gut ich konnte, ich kenne Alkoholexzesse, Abhängigkeit und Verzweiflung. Euphorie und Depression. Familiendramen, Verluste und Trauer. Ich habe Arschlöcher kennengelernt und auch unglaublich tolle Menschen und Vorgesetzte. Ich habe die stärksten Männer als kleine Kinder aus dem Einsatz wiederkommen sehen und die nerdigsten Jungs als Mann zurückkehren. Kurz gesagt: Ich habe also schon ein wenig Lebenserfahrung.

Kein Loblied, keine Beweihräucherung, keine Überheblichkeit - Fakten. Klingt trotzdem arrogant, ja, aber so ist es nicht gemeint. Viele von uns denken in anderen Bereichen ähnlich behaupte ich mal.


Tja, dann habe ich mein Abitur nachgeholt, habe die Fachhochschulreife erlangt, bin umgezogen, habe in der "zivilen" Welt wieder neu angefangen und studiert. Zwar hatte ich eine Ausbildung als Fluggerätemechaniker, aber das wollte ich nicht machen. Also einzige Option war Studium. zum Glück wurde meine Studienzeit zum Großteil durch den Bund

( Übergangsgebührnisse ) getragen. Ich hab mich da auch für meine Verhältnisse relativ doll ins Studium reingehängt und sehr gut abgeschlossen und war auch wirklich froh, das hinter mir zu haben...

Und dann kam das Anerkennungsjahr - Ein Jahr nach dem Studium, in dem ich mein gelerntes Wissen aus dem Studium unter Anleitung anwenden sollte und musste. Vollzeit.

39 Stunden. Als Praktikant. Für knapp 62,7 % des Gehalts, das sonst für diese Stundenanzahl üblich ist (in meinem Fall). Ich lerne ja noch. Ich bin ja noch nicht ausgebildet, noch habe ich keine staatliche Anerkennung (ohne die man im übrigen sehr wohl Jobs findet; Diese sind aber schlechter bezahlt als ohne die staatliche Anerkennung).


WELPENSCHUTZ! Ja klar, könnte man meinen, ist auch teilweise so, aber halt auch absolut nicht. Ich verstehe ja den Gedanken dahinter: Die Soziale Arbeit ist, wenn man sie gewissenhaft macht, eine extrem verantwortungsvolle Arbeit. Man hat teilweise die Macht darüber zu entscheiden, ob Kinder in einer Familie bleiben oder nicht. Man arbeitet mit psychisch kranken und labilen Menschen, bei denen jeder falsche Rat zu einem Desaster führen kann. Man hat mit genau den Menschen zu tun, die als eigentlich ausgegrenzte der Gesellschaft niemanden haben, der sie hört oder sich ihnen annimmt. Niemanden, der sie überhaupt sieht. Man arbeitet mit Jugendlichen, die aus Sicht der Allgemeinheit jegliche Perspektive und Antrieb verloren haben, sich Drogen und Kriminalität "hingeben". Es handelt sich hier um Menschen, die nicht der Norm entsprechen, nicht arbeiten können oder wollen, sich nicht integrieren können oder wollen, es handelt sich um Menschen mit teils schrecklichen Geschichten die zu genau der Situation geführt haben, in der sie nun sind.


Das sollte man auf keinen Fall weder leichtfertig noch "mal eben so" abhandeln oder einfach als Akte sehen. Jetzt hab ich gerade erklärt, was ich nicht alles kann und weiß und wieviel Erfahrung ich schon habe... Klar, ich habe noch lange, lange nicht alles gesehen und das wird wahrscheinlich auch niemals der Fall sein.


Dennoch.


Wenn ihr einen neuen Job anfangt oder angefangen habt, wie ist / war das bei euch? Man hat euch eingearbeitet, euch einen gewissen Zeitraum gewährt, um anzukommen, um Fehler zu machen, die Abläufe zu lernen und Fuß zu fassen. Ihr habt gelernt die jeweils betrieblichen Anforderungen zu verstehen und zu verinnerlichen. Dann gings los. Verantwortung. Eigeninitiative. Machen. Meist dauerte das so von offizieller Seite knapp 6 Wochen, wenn ich richtig informiert bin. Und danach? - Tja, machen oder gehen.


So ist es im Anerkennungsjahr - zumindest bei mir - NICHT. Ich soll Protokolle schreiben, an Sitzungen teilnehmen, dort hin, da hin, auf die Befindlichkeiten achten, dies nicht sagen, das nicht machen, da vorsichtig sein, bloß nicht die Wahrheit aussprechen, ans Geld denken, ans Team denken, kleine Brötchen backen, meine Meinung sagen, kritisch sein (nicht bei Vorgesetzten), immer verfügbar sein, alles wissen, nichts dürfen, da hospitieren, hier reinschauen, aufpassen, hinterfragen aber nicht äußern, mitmachen, auf die Stunden achten, nicht zu viel machen, nicht zu wenig machen... WTF???


Nichts selber entscheiden weil Praktikant, immer um Erlaubnis fragen, nichts eigenmächtig tun, die Initiative ergreifen, präsent sein, Engagement zeigen... Alter! Was denn jetzt?


"Naja, weil er ja als Praktikant von offizieller Seite unter tariflichen Bestimmungen steht, ist die eigenmächtige Vorgehensweise leider nicht gegeben". Aha. "Er wird aber den gesamten Prozess begleiten und soll auch zeitnah dann mit 75% dort eingesetzt werden, um die eben genannte Arbeit zu etablieren!". Soso. Soll ich das also. Soll ich, darf ich, muss ich, WILL ICH? Was denn überhaupt? Was ist denn jetzt richtig? Welche Richtung? Was zählt?

"Sebastian, es wird immer jemand von den Führungskräften dabei sein um sicher zu gehen, dass dir da nichts aufgebrummt wird, was nicht deine Aufgabe ist. Wir wollen ja schließlich keine Begehrlichkeiten wecken". Mhm. "Bürgerbefragung können wir schon machen, aber vielleicht wollen wir die Antworten ja nicht hören.". Joa, weiß ich auch nicht. Vielleicht nicht.


Das mag an meiner Position im Unternehmen liegen. Vielleicht auch am Unternehmen selbst oder den dort geltenden Strukturen, vielleicht auch, weil ich mich hab blenden lassen von den vermeintlichen Möglichkeiten meiner Arbeit dort. Vielleicht war ich auch einfach nur scharf drauf, einen sehr sicheren und von den Rahmenbedingungen her attraktiven Job im öffentlichen Dienst zu erhalten. Vielleicht sehe ich das Ganze auch einfach falsch. Aber das, DAS, ist nicht die Soziale Arbeit, die ich mir vorgestellt habe. Sie dreht sich im Kreis, sie verwaltet sich selbst und hält lediglich das System am Laufen. Ob man das System nun für gut oder schlecht befindet ist jedem selbst überlassen. Da gibt es auch viele Sichtweisen und Aspekte, die man beachten kann (muss). Aus meiner Position stellt sich das aber so dar.


Um den Bogen zu schließen: Das Anerkennungsjahr mag durchaus sinnvoll sein, wenn man auf die teils massiven und der Öffentlichkeit unzugänglichen Missstände vorbereiten will und junge Berufsanfänger für das Unternehmen oder die Behörde gewinnen will. Wenn das Anerkennungsjahr aber so durchgeführt wird, wie ich es hier für mich beschreibe, bereitet mich persönlich das nur auf eines (gar nichts) vor:


Niemand möchte das System ändern, wenn die eigenen Vorteile dadurch in Gefahr geraten. So ist es beim Klimawandel, bei der Finanzpolitik, dem sozialen Wohnungsbau und bei Corona. Laufe ich Gefahr, meinen Wohlstand, mein Konsumverhalten oder meine Position zu verlieren, wenn ich etwas ändere, dann lass ich es lieber laufen. Ging ja bisher auch.


Was will ich damit sagen: Das Anerkennungsjahr in der Sozialen Arbeit macht dann Sinn, WENN man es dazu nutzt, Menschen zu helfen, neue Wege beschreitet und die Menschen lernen lässt, was es heißt, Mensch zu sein. Neues ausprobieren, Die stärken der anders denkenden jungen Menschen nutzen um etwas zu bewegen, mal über den Tellerrand zu schauen und diesen Einsatz und das Engagement entsprechend zu entlohnen.


Zum Abschluss noch ein Zitat unbekannter Quelle, das ich mal im Internet gelesen habe:

"Sozialarbeiter sind meiner Meinung nach nur staatlich anerkannte Elendsverwalter."







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