• Sebastian

Die Kraft des "NEIN"

Viel zu oft quälen wir uns mit Glaubenssätzen, Mustern, Verhaltensweisen oder vielleicht auch einfach nur Annahmen über uns, unseren Gedanken, Gefühlen, Verhalten oder Meinungen ( MEINUNG ist ja ohnehin ein in letzter Zeit häufig genutztes Wort ). Wir hängen an Bekanntem fest, haben das schon immer so gemacht oder haben gar Angst oder das ungute Gefühl, es würde etwas passieren, wenn wir nicht dem entsprechen, was scheinbar von uns erwartet wird. Tauchstation aus unserer Gefühlssicht. Um jeden Preis Konflikte vermeiden. Blos kein Risiko eingehen, es könnte uns ja den Kopf kosten oder in ein schlechtes Licht rücken. "Das kann man so drastisch nicht formulieren, man muss aufpassen, was man sagt." "Ich will ja niemanden verletzen oder vor den Kopf stoßen. Lasst mich doch einfach leben." Was auch immer.

Ich kann hier nur aus meiner Erfahrung und Sicht der Dinge sprechen. ich glaube aber dennoch, dass sich einige angesprochen fühlen könnten. Dazu eine kurze Anekdote:

Ich werde meistens als ein relativ selbstbewusster Mensch eingeschätzt, der zu seiner fundierten und durchdachten ( reflektierten ) Meinung steht. Als jemand, der weiß, was er will und was nicht. Mit beiden Beinen fest im Leben, wie es so schön heißt.

Tja, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Natürlich gibt es einige Dinge, die ich bestimmten Menschen ohne viel nachzudenken direkt sagen kann, das ist aber eher die Ausnahme. Bei vielen anderen Menschen überlege ich oft, wie ich wann was und wozu formuliere und welche Konsequenzen das haben kann. Im Zweifel sage ich halt auch einfach mal JA. Das ist grundsätzlich erstmal weder falsch noch richtig. Man muss nicht jedem Menschen alles direkt vor den Latz knallen ohne vorher darüber nachgedacht zu haben. Man sollte aus meiner Sicht schon mindestens sich selbst hinterfragen, ob man das so sagen will und wie der andere Mensch das auffassen könnte.


Nun gibt es aber Dinge, die werden gesagt, aber anders gemeint. Oder es gibt Dinge, die werden "gemeint", aber nicht gesagt. Nur mal so ein paar Beispiele:


- "Wenn du keine Lust hast oder keine Zeit ist nicht schlimm, ich bin dir nicht böse. Dann halt wann anders"

- "Das ist doch voll gut oder?"

- "Meinste, ich kann das so machen?"

- " Findest du nicht auch, dass ich das und das gut kann?"

- "Ich weiß es ist spät, aber könntest du nicht vielleicht noch....?"

- "Ach komm schon, nur kurz"

- "Naja gut, wenn du keine Zeit hast müssen wir mal sehen, wann wir uns wieder sehen können. Aber du meldest dich bald oder und sagst mir Bescheid?"

- " Es müsste sich mal Jemand um Problem XY kümmern, kannst du das mal eben machen?"


Ihr wisst, worauf ich hinaus will denke ich. Vieles ist in unserem Alltag gar nicht so, wie es scheint. Ist zumindest mein Eindruck. Wir sind zivilisiert. Wir wissen, wie wir uns zu verhalten haben. Wir "wissen", was richtig und was falsch ist. Wir alle kennen Floskeln. Wir benutzen die Worte " Mit freundlichen Grüßen", denken uns aber ab und an "Leck mich einfach". Wir sind sozialisiert. Also machen wir das nicht. So ist es bei der Arbeit, in der Freizeit und auch Privat. Damit will ich nicht sagen, dass ich den ganzen Tag nur mit einem Leck-mich-Schild rumlaufen würde. Es gibt aber ab und an Situationen, in denen das echt Spaß machen würde :) Vielmehr möchte ich damit zum Nachdenken anregen, in erster Linie mich selbst, denn das ist eine Art Tagebuch für mich. Naja, wohl eher Wochenbuch :P.

Gegen manche Verhaltensweisen von Menschen hat man einfach kein Werkzeug oder Waffe. Einige Dinge wurden uns nicht beigebracht oder wir haben sie nie lernen müssen. Die Reaktionen auf Double-Binds, oder auch Doppelbotschaften, sind ein hervorragendes Beispiel dafür. Wir alle haben damit zu tun, mal mehr, mal weniger. Aber was macht man in solch einer Situation? Das eine wird gesagt, das andere gemeint. Wir haben nur so ein komisches Gefühl, dass nicht alles, was gesagt wurde, auch gemeint war. Oder wir merken, dass es im Grunde ,verschärft gesagt, Erpressung ist.


Einfach mal "NEIN" sagen. "NEIN" zu den negativen Gefühlen, die dabei gefördert werden sollen. "NEIN" zu dem schlechten Gewissen, man habe etwas falsch oder nicht richtig gemacht. " NEIN" sagen, wenn man etwas nicht will und vor allem auch nicht muss. "NEIN" sagen zu der Aussage, die für einen sowieso nicht stimmt. "NEIN" sagen, wenn man anderer Meinung ist, auch wenn das eventuell Konflikt bedeutet. Nebenbei: Ein Konflikt ist erstmal wertfrei. Es besteht lediglich keine Übereinstimmung mit der Ansicht, der Meinung oder allgemein dem Gegenüber. Das birgt aber auch Potential zur Weiterentwicklung, also der Lösung des Konflikts. Das wiederum kann eine Diskussion fördern. Und aus Diskussionen können unterschiedliche Standpunkte aus unterschiedlicher Perspektive betrachtet werden. Daraus geht nicht zwingend eine beiderseitige Lösung hervor, wohl aber möglicherweise ein Verständnis für den jeweils anderen Menschen. Und das ist doch schon mal was!


Das gleiche kann auch ein simples "NEIN" auslösen.


Ihr werdet überrascht sein, wie viel Kraft und Energie in diesem kleinen Wort steckt. Der Trick ist, das nicht weiter zu kommentieren. "NEIN" braucht keine Rechtfertigung, auch wenn ihr das vielleicht glaubt. NEIN braucht keine Begründung, woher das kommt, auch wenn es euch persönlich vielleicht helfen kann zu verstehen, warum ihr nein sagt. Bei Gesetzen ist das was anderes, ich will hier niemanden dazu aufrufen, sich nicht an Gesetze zu halten. Es geht um euch persönlich. Um eure Freiheit. Die Freiheit "NEIN" zu sagen im Rahmen der Gesetze. Einfach "NEIN".

Das ist leichter gesagt als getan, vor allem im beruflichen Kontext. Es kommt aber auf die innere Einstellung an. Ihr alle habt Dinge, Verhaltensweisen oder Anschauungen, die ihr komplett ablehnt. Aus Gründen, die für euch wichtig sind. Und manche dieser Dinge lassen sich auch nicht weiter diskutieren. Für euch. Für andere vielleicht schon. Aber ihr müsst deswegen noch lange nicht alles ausdiskutieren. Bewiesene Straftaten zum Beispiel.

Wenn ihr aber innerlich, aus tiefstem Herzen "NEIN" sagen möchtet, dann tut es! NEIN, SOWAS LASSE ICH NICHT MIT MIR MACHEN. NEIN, DAS STIMMT NICHT!. NEIN, ICH WERDE DAS UND DAS NICHT TUN, NUR DAMIT DU DEINEN WILLEN BEKOMMST. NEIN, ICH BIN DA ANDERER MEINUNG. NEIN, DAS WERDE ICH NICHT FÜR DICH TUN, NUR WEIL DU ES GERADE WILLST.


Ihr müsst natürlich mit den jeweiligen Konsequenzen klarkommen, aber das könnt ihr langfristig. Denn wenn ihr euch selbst und eure Überzeugung nicht ernst nehmt, wer soll es dann?