• Sebastian

Wer sind wir eigentlich?

Eine auf den ersten Blick ziemlich einfache Frage. Ich bin Sebastian. Ich bin 36 Jahre alt, ich bin Sozialarbeiter. Scheint zu stimmen. So einfach ist es dann aber doch nicht. Die Frage "Wer" ist ja schonmal schwierig, weil, was definiert eigentlich dieses "Wer"? Gibt es dafür Kriterien, irgendwelche allgemeingültige Aussagen oder Annahmen? Kann ich damit für alle Menschen gleich und verbindlich eine Aussage treffen? Viel wichtiger aber: Kann ich für mich persönlich darauf eine zufriedenstellende Antwort finden? Schwierig.

Ich kann mich selbst relativ gut beschreiben: Ich bin ehrlich, ich bin offen. Ich gebe gerne. Ich erhalte genauso gerne. Ich bin zielstrebig und ehrgeizig. Ich lerne gerne Neues. Man sagt mir nach, ich wäre selbstbewusst. Ich bin kritisch und diskussionsfreudig. Ich bin launisch. Ich bin ein schlechter Verlierer, aber ein ebenso schlechter Gewinner. Ich neige dazu, Dinge zu ernst zu nehmen und andere Dinge zu sehr auf die leichte Schulter zu nehmen. Ich bin sehr gewissenhaft und auch zu weilen schluderig. Ich rede nicht viel und sage doch (ab und an) meine Meinung. Ich hasse Smalltalk, ich mag tiefergehende Unterhaltungen. Ich mag Menschen, reduziere aber meinen Freundeskreis auf das für mich nötige oder erträgliche Maß. Ich bin sehr gerne in Gesellschaft, aber ebenso gerne alleine. Ich stehe vielen Aussagen erstmal kritisch gegenüber, bin aber auch gutgläubig. Ich brauche und mag Nähe, aber genauso auch die Distanz. Ich bin sehr sicherheitsbewusst und will gleichzeitig im Hier und Jetzt leben. Zusammengefasst: Ich bin ziemlich ambivalent. Das sind alles schöne und auch hilfreiche Beschreibungen meiner Person, aber dennoch weiß ich nicht, wie ich jemandem sagen könnte, wer ich bin. Eine Psychologin hat mich mal gefragt, wer ich bin. Das ist jetzt ungefähr 6 Jahre her. Ich habe bis heute keine 100 prozentige Antwort darauf. Vielleicht geht mir ja irgendwann ein Licht auf...

Ich weiß nicht, ob ihr euch diese Frage jemals gestellt habt oder ob ihr genau wisst, wer ihr seid. Ich jedenfalls bin damit schon sehr lange beschäftigt und hab keine Ahnung, ob ich der Lösung demnächst näher komme. Vielleicht ist es auch eines der Dinge, die man niemals zu 100 % beantworten kann. Vielleicht fehlt mir auch einfach ein Ziel. Eine exakte Vorstellung davon, wo es hingehen soll oder was mal sein soll. Eine Art Plan. Ein Lebensentwurf. Viele meiner bisherigen Entwürfe wurden durch mich oder andere Menschen über Bord geworfen. Entweder haben sie nicht gepasst oder sie waren von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das ist nicht schlimm, aber es erfordert halt einiges an Umdenken. Aber was mache ich mit dieser Erkenntnis? Kann es nicht auch sein, dass wir darauf keine Antwort finden müssen oder sollen? Möglicherweise sollten wir einfach sein, we wir sind, mit all unseren Facetten und Eigenarten. Wir sind Wir. Meinem Eindruck nach wird genau diese Frage aktuell ziemlich auf die Probe gestellt. Sind wir für oder gegen Lockdown? Sind wir für oder gegen Maske? Sind wir Hamster im Rad oder sind wir selbst bestimmte Menschen innerhalb eines Systems?

Haben wir alles im Griff oder entgleitet uns gerade unsere Routine?

Zugegeben, sehr abstrakt und philosophisch das Ganze, aber das geht mir gerade durch den Kopf. Ich wollte euch an meinen Gedanken teilhaben lassen, ohne eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage zu haben... Das muss jeder/jede für sich selbst beantworten. Wenn ihr es könnt. Ich jedenfalls kann es noch nicht, zumindest nicht so, als das es für mich stimmig wäre.